stoegerer
© 2020 Jean van Lülik

Daniel Stögerer ...

So ein Mensch

... Scheibenklirren in Aurelias Ohren. Verwirrt blickt sie um sich. ... und gebenedeit ist die Frucht deines Leibes ..., spukt es ihr durch den Kopf und sie hört wieder Fenstergläser scheppern. Diesmal nicht die des Gartenhauses, sondern jene des Kastenfensters bei ihr daheim am Hof, als im Nachbarort die Granaten der Stalinorgel einschlugen.
In der Stube saßen sie, bei der Jause. Aurelia, Elfriede, Mutter und Jean, den alle Hans nannten, obwohl er kein Wort Deutsch sprach. Vor zwei Monaten war er ihnen zugeteilt worden, weil Ignaz immer noch irgendwo oben bei Hammerfest stationiert und Vater im Winter gefallen war. Vom Herrgottswinkel aus schwitzte der Heiland Blut auf sie herab, derweil sie schweigsam Milchsuppe löffelten, fern Granaten donnerten. Als sie die ersten Gewehrschüsse vernahmen, wurde das Wichtigste gepackt und in den Mostkeller getragen. Dort saßen sie nun bei Gärgeruch und Petroleumlicht zwischen Eichenfässern, gefaltete Hände und gesenktes Haupt. Rosenkranzperlen glitten durch Mutters Finger. Gegrüßet seist du Maria voll der Gnade ..., flüsterten ihre Lippen und Aurelia nahm gleichgültig den dumpfen Hall von Schüssen war. ... ist die Frucht deines Leibes Jesus, der für uns gegeißelt worden ist. Heilige Maria Mutter Gottes ..., antwortete der Chorus, zweimal Deutsch und einmal Französisch. ... et à l'heure de notre mort. Amen. Aurelia schielte zu Hans, erstaunt. Ehrfürchtig sanken die Formeln auf seinen Schoß hinab. Die Sprache verstand er nicht, sehr wohl aber das Gebet.

aus dem Buch:
Junge Literatur Burgenland
Sanja Abramović - Raoul Eisele - Bea Schmiedl - Daniel Stögerer
Band 4
Hg.: © edition lex liszt 12, 2020

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