pallitsch
© Christian Ringbauer
Judith Pallitsch wurde 1992 geboren, studierte Rechtswissenschaften und absolvierte 2018 die Rechtsanwaltsprüfung. Sie arbeitet in der Finanzprokuratur. Seit ihrer Kindheit schreibt sie vor allem realistische und surrealistische Texte.
Veröffentlichungen: Die viel zu lange Lebensgeschichte des Walter Lange, in: 25 Jahre – Der Fall des Eisernen Vorhangs, edition lex liszt 12, 2014; Die Glaswand, in: Literaturzeitschrift Kolik 71, 2016. Ende 2016 gewann Judith Pallitsch den Leondinger Jugendpreis SPRICHCODE.

Alles und nichts

Sie rasen durch eine karge Landschaft. Weit und breit ist nichts zu sehen als roter Sand. Die Sonne verschwindet links von ihnen am Horizont. Arif weiß nicht, wohin er fährt. Weg, nur schnell weg. Sein Fuß drückt das Gaspedal, so weit es geht, der Motor heult auf.
Es ist unglaublich laut, aber Arif hat keine Ahnung, woher die Geräusche kommen. Ihm scheint, jemand verfolge sie. Panik durchströmt seinen ganzen Körper. Nur weg von hier, schneller.
Da legt Jamila, seine wunderschöne Frau, ihre Hand beruhigend auf seinen Oberschenkel. Einen Moment lang schauen sie einander in die Augen.
„Alles wird gut“, sagt sie.
Arif rückt mit seiner Hand den Rückspiegel zurecht und für einen Moment sieht er seine Tochter Gadi. Sie lächelt.
Doch plötzlich erleuchtet hinter ihnen ein Lichtkegel den Horizont, gefolgt von einem ohrenbetäubenden Knall und dem Heulen von Sirenen. In Panik drückt Arif das Gaspedal fester durch. Ohne Ziel rasen sie davon. Eine Flucht ins Nirgendwo.

Immer weiter flüchtet Arif mit seiner Familie in die Dunkelheit hinein. Die Sonne ist inzwischen am Horizont verschwunden. Die einzige Lichtquelle befindet sich hinter ihnen. Es ist die Stadt, aus der sie flüchten.
Arif weiß nicht, wie weit sie von ihr entfernt sind. Nach seinem Empfinden waren sie schon stundenlang unterwegs, aber er fühlt sich der Bedrohung noch immer zu nahe. Je schneller sie fahren, desto langsamer scheint der Wagen sie fortzutragen. Es ist, als steckten sie im roten Sand fest.
Plötzlich erhellt für eine Sekunde ein weiterer Lichtkegel die Szene und da schreit Arifs Frau vor Schreck auf. Denn für diesen Augenblick sehen sie, dass sie geradewegs auf eine Klippe zugerast waren und nur noch einige Meter davon entfernt sind, in den Abgrund zu stürzen. Arif nimmt voller Panik den Fuß vom Gaspedal und steigt auf die Bremse. Aber es ist zu spät. Jamila und Gadi schreien. Arif zieht die Handbremse. Ihre Körper pressen sich ohne Kontrolle gegen die Sitzgurte. Noch immer kommt das Auto nicht zum Stehen und da fühlt Arif, dass er den Boden unter den Füßen verliert.
Arif wird plötzlich von einer starken Kraft nach hinten gezogen. Durch seinen Sitz auf die Rückbank. Für den Bruchteil einer Sekunde sitzt er neben seiner schreinden Tochter, dann zieht ihn die seltsame Kraft durch die Heckscheibe aus dem Auto. Arif schreit voller Verzweiflung, als das Auto, in dem noch immer seine Frau und sein Kind sitzen, von der Klippe stürzt.

aus dem Buch:
Junge Literatur Burgenland
Christoph Andexlinger - Judith Pallitsch - Johanna Sebauer  - Konstantin Vlasich
Band 1
Hg.: © edition lex liszt 12, 2018

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