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© Christian Ringbauer

Johanna Sebauer wurde 1988 in Wien geboren und im Alter von sechs Jahren zur Burgenländerin. Hier verbrachte sie, wie sie selbst sagt, eine Kindheit aus dem Bilderbuch, bevor es sie zum Studieren zunächst wieder nach Wien und dann hinaus in die Welt zog. Über Aix-en-Provence, Aarhus und Santiago de Chile gelangte sie schließlich nach Hamburg wo sie seit 2013 lebt. Mit dem Schreiben begann sie vor einigen Jahren. 2014 erhielt ihre Kurzgeschichte Edina den Burgenländischen Jugendliteraturpreis. 2016 landete ihr Hörspiel Wie Erna Rohdiebl aus Pamhagen ihr Herz an die Nordsee verlor auf der Shortlist des ORF-Hörspielpreises Textfunken.

www.johannasebauer.com Twitter: @JohannaSebauer

August

Dass Frau Larsen sich nach dem schrecklichen Vorfall mit ihrem Mann plötzlich einen Kater holte, hatte mich anfangs ein wenig überrascht. Im Hause der Larsens hatte es nie Haustiere gegeben. Ein Kätzchen hätte Herr Larsen in seinen guten Jahren, als er seinen Verstand und seine Körperflüssigkeiten noch unter Kontrolle hatte, ohne Zögern mit dem Besenstiel aus dem Haus gescheucht. Frau Larsen hatte einige Male versucht, das Thema anzusprechen und vorsichtig die Möglichkeit einer Katze in den Raum gestellt. Ich hatte ein solches Gespräch einmal von meinem Garten aus mithören können, als ich gerade in feuchter, duftender Erde kniete und den Boden für das Setzen frischer Blumenzwiebel vorbereitete. Herr Larsen hatte in einem strengen Ton geantwortet, dass er Katzen hasse. Sie würden Flöhe ins Haus bringen und die Polstermöbel zerkratzen. Ohne auch nur einen Augenblick von seiner Zeitung aufzuschauen, hatte er damit die Diskussion beendet. Für immer. So war es meistens bei den Larsens.
Herr Larsen hatte, seit ich ihn kannte, in der Ehe das Zepter in der Hand. Es schien für mich stets so, als bestimmte er nicht nur über das Eheleben, sondern über das gesamte Dasein von Frau Larsen. Ein zärtliches Wort hörte ich ihn nie in ihre Richtung sagen. Warum genau Herr Larsen sich so zu seiner Frau verhielt, kann ich nicht mit Sicherheit sagen. Zu mir war er ja, wie gesagt, stets ein freundlicher Nachbar gewesen. Aber für Frau Larsen hatte er scheinbar nur Abneigung oder höchstens Gleichgültigkeit übrig. Ich hatte über die Jahre an einer Theorie gefeilt, mit der ich mir erklärte, wie die Larsens sich in einem derartigen Zustand hatten festfahren können. Ob diese Theorie nun stimmt oder nicht, kann ich nicht beurteilen, sie ist ihrer Natur gemäß ja nur eine Vermutung, die für den gegebenen Zeitraum als Erklärung herhalten soll. Aber was weiß ich schon, ich war nur ihr Nachbar. Im Grunde ist es auch egal, warum sich die Larsens so verhielten. Aber man macht sich halt so seine Gedanken, wenn man den Tomaten beim Wachsen zusieht.

aus dem Buch:
Junge Literatur Burgenland
Christoph Andexlinger - Judith Pallitsch - Johanna Sebauer  - Konstantin Vlasich
Band 1
Hg.: © edition lex liszt 12, 2018

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